Der Krankenstand in Deutschland hat im Jahr 2006 abermals leicht abgenommen und erreichte mit 3,29% den tiefsten Punkt seit der Einführung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall im Jahr 1970. 2005 hatte der durchschnittliche Krankenstand bei 3,32% gelegen. Im Februarheft von Gute Arbeit. untersucht der Ludwigshafener Medizinsoziologe Professor Klaus Priester die aktuellen Trends in der Krankenstandsentwicklung auf der Basis der neuesten Daten des Bundesgesundheitsministeriums. Der Krankenstand sinkt seit nunmehr sieben Jahren kontinuierlich. Allerdings fiel der abermalige Rückgang 2006 weniger stark aus, als es in der ersten Hälfte dieses Jahres zu erwarten war. Vor allem im 2. Halbjahr lagen die Monatswerte zumeist über denen des Vorjahreszeitraums. Hier könnte sich, so Priesters vorsichtige Vermutung, möglicherweise eine Trendwende zurück zu höheren Krankenständen abzeichnen.
Allerdings, so unterstreicht Klaus Priester, kann der tatsächliche Gesundheitszustand der Bevölkerung nicht allein aus den amtlichen Krankenstandsziffern erschlossen werden, wie es in den Medien häufig geschieht. Denn diese Daten sind erstens monatliche Stichtagswerte und daher mit Ungenauigkeiten behaftet und zweitens beziehen sie sich nur auf einen Teil der Bevölkerung, nämlich auf die in den gesetzlichen Krankenkassen Pflichtversicherten und damit noch nicht einmal auf alle Erwerbstätigen. Die registrierten Arbeitslosen sind zwar in die Statistik eingeschlossen, 2006 aber erstmals nur die Bezieher von Arbeitslosengeld I. Da die Langzeit-Arbeitslosen, die häufig höhere Krankenstände aufweisen, ausgeklammert sind, lässt das den amtlich registrierten Krankenstand niedriger ausfallen.
Trotzdem: Der bisherige Rückgang des Krankenstands ist offensichtlich und bedarf der Erklärung. Darüber ist in den vergangenen Tagen viel spekuliert worden. Die Tageszeitung „Die Welt“ verweist auf den Einfluss von Arbeitslosigkeit und Angst um den Arbeitsplatz. Spiegel-online dagegen beruft sich auf das neoliberal ausgerichtet Münchener ifo-Institut sowie das arbeitgeberfinanzierte Kölner Institut der deutschen Wirtschaft, die beide einen Zusammenhang zwischen der Angst um den Arbeitsplatz und dem niedrigen Krankenstand bestreiten.
Hier ist aber offenbar der Arbeitgeber-Wunsch der Vater des Gedankens. Tatsächlich spricht sehr wohl vieles für einen solchen Zusammenhang, und der in den meisten Betrieben längst übliche Druck auf Kranke trägt dazu kräftig bei. 2004 ergab eine Repräsentativbefragung der DAK bei 1000 Mitgliedern, dass es für neun von zehn Beschäftigten üblich geworden ist, trotz leichter Erkrankung am Arbeitsplatz präsent zu sein, um dem Druck der Arbeitgeber zu entgehen (Arbeit & Ökologie-Briefe 6/2004, Seite 6-7). Das Wissenschaftliche Institut der AOK stellte 2003 in einer repräsentativen Erhebung fest (Arbeit & Ökologie-Briefe 12/2003, Seite 8-10), dass drei Viertel der Beschäftigten, wenn irgend möglich, aus Sorge um ihren Arbeitsplatz auf eine Krankmeldung verzichten. Zwei Drittel rechnen im Falle einer Krankmeldung mit beruflichen Nachteilen. Jede/r Zehnte hat erlebt, dass Ältere wegen Krankheit entlassen werden. Ein Drittel geht sogar gegen ärztlichen Rat trotz Krankheit weiter zur Arbeit. 40% befürchten, dass im Falle einer Krankschreibung zu viel Arbeit liegen bleibt. Mehr als die Hälfte der Befragten versucht, sich am Wochenende auszukurieren, und mehr als ein Fünftel hat schon Urlaub genommen, um wieder gesund zu werden.
Es muss davon ausgegangen werden, so Klaus Priesters Schlussfolgerung, dass die Beschäftigten dem Gesundheitswesen eine insgesamt nicht bekannte Anzahl von Befindlichkeitsstörungen und akuten Erkrankungen nicht zur Kenntnis bringen. Allerdings, so unterstreicht der Experte, sorgt nicht allein die Angst für einen niedrigen Krankenstand. Es müssen auch strukturelle Ursachen berücksichtigt werden. Priesters faktenreiche Analyse steht hier in positivem Kontrast zu den Legenden, die in den mainstream-Medien gestrickt werden. Das Arbeitgeber-Institut der deutschen Wirtschaft z.B. wartet in Spiegel-online mit einer „ganz einfachen“ Erklärung für den angeblich „guten Gesundheitszustand der deutschen Arbeitnehmer“ auf: „Die Belegschaften werden immer jünger“, und dies führe „zusammen mit dem Trend zu Fitness und Wellness zu immer geringeren Ausfallzeiten“. Priester hält solchen Vereinfachungen entgegen: Zwischen 1991 und 2004 stieg das Durchschnittsalter der Erwerbstätigen von knapp 39 auf 41 Jahre. Trotzdem ging der Krankenstand deutlich zurück.
Im Zuge betrieblicher Selektionsprozesse verlieren allerdings bevorzugt ältere und „leistungsgeminderte“ Beschäftigte ihren Job, werden gesundheitlich angeschlagene (ältere) Beschäftigte und Langzeiterkrankte in die Frühverrentung gedrängt. Das bedeutet in der Tat eine Verjüngung. Priesters Analyse stützt sich hier auf Daten des "Gesundheitsreport 2006" des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen (Gute Arbeit 12/2006, Seite 32-34 und 1/2007, Seite 27-28). Der Report zeigt auch, dass ältere Langzeitarbeitslose überdurchschnittlich oft und lange krank sind. Ständen sie noch im Erwerbsleben, würde das auch einen höheren Krankenstand bedeuten. Auf der anderen Seite weist der im Arbeitsleben verbliebene ältere Teil der Beschäftigten zumindest jetzt noch einen besseren Gesundheitszustand auf als vor zehn oder zwanzig Jahren.
Insgesamt, so Priesters Fazit, ist der Rückgang des Krankenstands kein Beleg für einen Belastungsabbau in den Betrieben und öffentlichen Verwaltungen, sondern hängt damit zusammen, dass immer mehr Beschäftigte trotz Krankheit zur Arbeit gehen auch besonders belastete Gruppen in Frühverrentung und Arbeitslosigkeit abgeschoben wurden.
Den umfangreichen Beitrag von Klaus Priester können Sie hier auch im Volltext nachlesen (PDF-Datei, 193 kB).